Hungertuch Info Bild

Hungertücher haben vor allem im Münsterland eine Tradition, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Sie haben die Aufgabe, während der österlichen Bußzeit oder Fastenzeit, in der aller Schmuck aus der Kirche entfernt ist, auf das Leiden Christi hinzuweisen, der seine Gottheit gleichsam im Leiden verhüllte, "sich entäußerte,... sich erniedrigte und gehorsam war bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz" (Phil 2,7-8). Deshalb wurden sie immer mit den Symbolen des Leidens Christi geschmückt.
Unsere Pfarrkirche hatte bis etwa 1900 ein großes schlichtes Hungertuch mit einem aufgestickten einfachen Kreuz und einer breiten Borte. 1984 beschloss die Pfarrgemeinde, ein neues Hungertuch in der alten Filetsticktechnik mit Leinen anzufertigen. Thematisch beschritt es neue Wege, weil es nicht mehr das Leiden Christi zeigt, das ja auf dem großen Flügelaltar des "Meisters von Schöppingen" von 1455 figurenreich und anschaulich dargestellt ist, sondern weil es zeigt, wie das Leiden Christi heute weitergeht. Denn in den Leidenden und Hilfsbedürftigen unserer Tage begegnet uns der leidende Christus selbst. Was ihnen getan wird, wird Christus getan, wie es in der Gerichtsrede (Matth 25,35-46) heißt:

"Dann wird er denen zu seiner Rechten sagen:
Kommt, Ihr Gesegneten meines Vaters, nehmt das Reich in
Besitz, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.
Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben;
ich war durstig, und ihr habt mir zu trinken gegeben;
ich war fremd, und ihr habt mich aufgenommen;
ich war nackt, und ihr habt mich bekleidet;
ich war krank, und ihr habt mich besucht;
ich war gefangen, und ihr seid zu mir gekommen...
Was ihr dem geringsten meiner Brüder getan habt,
das habt ihr mir getan!"

Nach dem Vorbild des Telgter Hungertuchs von 1623 wurden diese "leiblichen Werke der Barmherzigkeit" schachbrettartig angeordnet und ergänzt durch die "geistigen Werke der Barmherzigkeit" die auf verborgene, meist übersehene Nöte unserer Zeit, aufmerksam machen: Schuld und Sünde, Unwissenheit, Zweifel und Ratlosigkeit, Depression, Unfähigkeit, einander zu ertragen, fehlende Bereitschaft, Vergebung zu schenken und anzunehmen.
Sünder zurechtweisen:
"Hat dich keiner verurteilt? Dann verurteile ich dich auch nicht. Geh und sündige nicht mehr!" (Joh 8,1-11)
Unwissende lehren:
"Geht und lehrt alle Völker, lehrt sie alles halten, was ich euch geboten habe!" (Matth 28,19-20)
Zweifelnden recht raten:
"Ein jungen Mann kam zu Jesus und fragte: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu gewinnen?" (Matth 19,16)
Betrübte trösten:
"Da trug man einen Toten heraus, den einzigen Sohn einer Witwe. Jesus sprach zu ihr: Weine nicht!" (Luk 7,11-17)
Lästige geduldig ertragen:
"Eine kanaanäische Frau schrie hinter Jesus her: Erbarme dich meiner!... Jesus sagte zu ihr: Frau, groß ist dein Glaube!" (Matth. 15,21-28)
Denen, die uns beleidigen, gern verzeihen:
"Sie steinigten Stephanus. Er aber rief laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!" (Apg 7,60)
Im Zentrum schaut Christus, das Haupt voll Blut und Wunden, auf den Betrachter. Die Menschen, die Leidenden wie die Helfenden und Zuschauenden, bilden seinen Leib: "Wenn ein Glied leidet, leiden alle Glieder mit; wenn ein Glied geehrt wird, freuen sich alle anderen mit ihm. Ihr aber seid der Leib Christi, und jeder einzelne ist ein Glied an ihm." (1 Kor 12,26-27) Die vielen, die den Leib Christi bilden, sind deshalb auf jedem Bild zu sehen, ob als Hilfsbedürftige, als Helfende oder als bloße Zuschauer.

Das Hungertuch wurde 1984 nach der Idee von Pfarrer Wolfgang Böcker und dem Entwurf von Winfried Schirok, Münster-Albachten, unter Anleitung der Textilgestalterin Editha Fischer aus Münster von 16 Frauen der Pfarrgemeinde gestickt und zum Aschermittwoch 1985 erstmalig aufgehängt.
Die Namen der Stickerinnen: Agnes Blick, Gisela Böhle, Bärbel Bröker, Roswitha Bröker, Marlies Brüning, Irmgard Frenkert, Gisela Gausling, Marietta Geilmann, Anni Gerwing, Margret Habel, Martha Hilbert, Guste Rehring, Johanna Scherbeck, Martha Segbers, Bernhardine Sobbe und Alwine Ulms.

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